Vom 08. bis 19.08. legen wir eine Sommerpause ein und sind ab dem 22.08. frisch gestärkt wieder für Euch erreichbar!

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Florian Wiest, www.create-3d.com

Bildungsvisionäre der Digitalisierung

Technologiewerkstatt: Florian, bereits 2008 kam von dir die Prognose, dass die additive Fertigung die industrielle Produktion verändern wird. Wie kamst du damals darauf?

Florian Wiest:

Ursprünglich komme ich aus der rechnerintegrierten digitalen Produktentwicklung und bin schon im Jahr 2000 während des Studiums in Kontakt mit dieser Technologie gekommen. Damals wurde die additive Fertigung noch zum Prototypenbau genutzt. Für uns war eigentlich klar: In dieser Fertigungsart steckt Potenzial. Zunächst versuchte ich die Industrie für diese Technologien zu begeistern. Aber Marketing für etwas zu machen, das nahezu überhaupt noch nicht genutzt wurde, war kaum realisierbar. Zunächst stand also die entsprechende Bildungsarbeit auf dem Programm.

Technologiewerkstatt: Was begeistert dich so am 3D-Druck?

Florian Wiest:

Der 3D-Druck eröffnet uns neue Möglichkeiten, die es vorher schlicht nicht gab. Früher wurden Produkte häufig aus Einzelteilen zusammengebaut. Heute können mehrteilige Baugruppen und komplexe Produkte als ein Teil gefertigt werden. Auch Funktionsintegration ist ein wichtiges Thema; hier kann ich in einem Produkt mehrere Funktionen durch die additive Fertigung integrieren.

Letztlich ist es ein sehr naturorientiertes Verfahren, das Dinge mit Hohlkörpern wachsen lässt. Natürlich fordert das, umzudenken, und Produkte neu zu denken… das muss in unseren Kulturgebrauch hinein. Evolutionär betrachtet kam zunächst die Mechanisierung, das war die Sichel. Danach die Motorisierung, das war der Rasenmäher und dann die Automatisierung in Form des Mähroboters und jetzt folgt die Digitalisierung. Linear gedacht wäre das im übertragenden Sinne die Mäh-Drohne – aber es könnte im nächsten Schritt (Evolutionär schon ein Schritt weiter als die Mäh-Drohne) auch der genmanipulierte Rasen sein, der nicht mehr gemäht werden muss – dieses disruptive Potenzial steckt in der Digitalisierung.

Technologiewerkstatt: Den Computer vom Spielzeug zum Werkzeug zu verändern, ist eine deiner Visionen. Schon seit zehn Jahren setzt du dich stark dafür ein, dass digitale Kompetenzen frühzeitig gefördert werden. Wie machst du das?

Florian Wiest:

Ja, das ist ein Riesenthema, wird bedacht, dass sich seitdem ich in der Schule war, kaum etwas geändert hat. Lehrer und auch Eltern behandeln den Computer nach wie vor häufig nicht als Werkzeug, das Kinder nutzen sollen – obwohl sie selbst oft mehr als acht Stunden am Tag davorsitzen. Das Computerspielen wird häufig verboten. Wer aber zeigt den Jugendlichen auf, welche sinnvollen Dinge mit dem Computer gemacht werden können?

Dass die Digitalisierung kommen wird, ist mittlerweile vielen klar. Für diese Revolution brauchen wir viele, qualitativ gut ausgebildete Leute. Wir bringen das Thema Digitale Ausbildung in die Schulen und bieten Kurse im Rahmen von AGs, und mittlerweile auch im regulären Unterricht an. Auch das Freizeitbildungsangebot wächst und wir bieten immer häufiger Ferienprogramme an. Bisher in Reutlingen, Albstadt und Stuttgart.

Technologiewerkstatt: Wie kommt das Angebot an den Schulen – bei Schülern und Lehrern – an?

Florian Wiest:

Wir stoßen auf extrem positive Resonanz – bei Schulen wie bei Schülern. Die Schulen, die von Anfang an dabei waren, sind immer noch dabei. Die Industrie ist mit im Boot, denn es ist bekannt, dass Unternehmen immer mehr digital gut ausgebildete Leute brauchen. Viele Teilnehmer, die unsere Seminare besuchten, waren so begeistert…Sie blieben dem Thema treu und sind jetzt in diesem Berufsfeld tätig.

Die Begeisterung ist auch ein Resultat der anderen Herangehensweise bei der Vermittlung von Lerninhalten: Ein eigen entworfenes Produkt entsteht. Dafür gibt es keine Noten, sondern das Ergebnis halten die Schüler nachher in Händen und können es selbst bewerten.

Technologiewerkstatt: Besteht deiner Meinung nach an dieser Stelle nicht Handlungsbedarf aus der Politik, ein modernes, angepasstes Bildungskonzept zu entwickeln?

Florian Wiest:

Hier besteht dringend Handlungsbedarf, zumal es überhaupt nicht damit getan ist, den Schulen Tablets mit Lern-Apps zu finanzieren. Bildung wird bei CREATE Education so behandelt, wie wir auch Produkte entwickeln: kundenorientiert. Die Politik behandelt das Thema noch immer symptomatisch. Digitalisierung heißt nicht digitale Whiteboards anschaffen, die Schüler mit Tablets ausstatten und Lern-Apps in den Unterricht integrieren.

Es geht um etwas ganz anderes; die Schüler müssen das digitale Denken und das digitale Machen lernen – das Werkzeug hat sich verändert, aber die Spielregeln sind dieselben wie vor 100 Jahren, als es noch viele Macher hierzulande gab. Genau dort setzen wir an: Wieder machen lernen – digitale Technologien als Hilfsmittel bzw. Werkzeug dazu genommen. Lediglich der Schaffensprozess findet im Kopf statt: kreatives Denken, Machen lernen, Ambitionen entwickeln, Motiv generieren – der Computer ist dann das Werkzeug und der 3D Drucker das Ausgabemedium.

Technologiewerkstatt: Hast du konkrete Vorstellungen wie so ein modernisiertes Bildungskonzept aussehen könnte?

Florian Wiest:

Wir müssen uns massiv vernetzen. Wissen gibt es in der Hosentasche, folglich brauche ich für die reine Wissensabfrage keine Schule mehr. Wir müssen weg vom Frontalunterricht und der strikten Einteilung nach Schulfächern hin zu Projektarbeiten ohne Noten. Lehrer müssten sich als Supervisor verstehen. Wir müssen den Schülern zugestehen, dass es verschiedene Wege gibt, Ziele zu erreichen. Kreativität fördern und zum andersartigen Denken ermutigen, Lebensthemen müssen in die Schulen, neue Themen – auch Businessthemen gehören ins Klassenzimmer, zumal Kinder früher an Wissen gelangen über Informationen aus dem Internet und schneller erwachsen werden als früher. Die heutige Informationsflut an den Schulen sollte nach Qualität und Relevanz gefiltert werden.

Technologiewerkstatt: Worin siehst du den Erfolg deiner Bildungsarbeit an den Schulen?

Florian Wiest:

Die langjährigen Kooperationen mit den Schulen zeigen mir, dass unsere Bildungsmission als Riesenchance für Schüler und Lehrer erkannt wird. Das Angebot war in erster Linie für die Schüler auf freiwilliger Basis verfügbar und wurde so rege angenommen, dass viele Lehrer nun begonnen haben unser Programm in den regulären Schulunterricht aufzunehmen. Es ist ein durchweg positiver Umgang mit einem Bildungsangebot zu spüren.

Angewandtes Wissen wird anders gespeichert als das häufig praktizierte Auswendiglernen. Wir bringen unter Bezug der realen Welt Praxis und Theorie zusammen. Auch in puncto Rhetorik und Kommunikation: Wenn Schüler ihre selbst erschaffenen Projekte präsentieren, machen sie das mit einer anderen Emotion. Zum ersten Mal präsentieren sie etwas Eigenes. Auch, dass 50 % der Mädchen unsere Kurse belegen, sehe ich als Erfolg an.

Technologiewerkstatt: Was sind deine Wünsche im Hinblick auf die Implementierung der digitalen Bildung in unser Schulsystem?

Florian Wiest:

…dass Bildung fortan als Produkt gesehen, und ebenso behandelt und entwickelt wird
und Schüler als Kunden betrachtet und bedient werden.

Technologiewerkstatt: Und was sind – realistisch betrachtet - deine Ziele?

Florian Wiest:

Momentan platzieren wir unsere CREATE Academy, die erstmals auf der binea (Bildungsmesse Neckaralb am 01.02. u. 02.02.2019) vorgestellt wird, die die Lücke zwischen Schule und Studium schließen wird und Jugendlichen die Themen persönliche Berufung und Berufswelt unter dem Kontext der Digitalisierung aufzeigt.

Technologiewerkstatt: Welche Gefahren siehst du, wenn das Bildungssystem keinerlei Modifikation in Richtung „digitale Bildung“ erfährt?

Florian Wiest:

Deschooling, das bereits ein Riesenthema in den USA ist, wird bei uns auch zunehmen, wenn die Schulen den Schülern kein zeitgemäßes Produkt Bildung bieten können. Schüler erkennen die Notwendigkeit des theoretisch vermittelten Wissens für ihr Leben nicht mehr.

Deswegen lehnen sie das Angebot ab – innerlich oder auch äußerlich und boykottieren sie die herkömmlichen Bildungskonzepte. Heute gibt es zu wenig Kontaktpunkte nach draußen, die Schülern zeigen: „Das ist wichtig, was ich mir hier erarbeite. Es ist das notwendige Basiswissen, um später in der Welt weiterzukommen.“

Vielen Dank Florian, für das interessante Gespräch.

 

Interview: Christine Seizinger, Contento-PR, www.contento-pr.de

 

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